Tag 36

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19. April 2020

Ehrenamt

Wessen Geschichte höre ich zu?
Wie unterscheide ich, wem mein Zuhören einen nächsten Schritt ermöglicht? 
Pläne können Gestalt annehmen, Wichtiges kann von Unwichtigem unterschieden werden, Struktur kann im Sprechen entstehen und Erleichterung in den eigenen Worten gefunden werden, wenn das Gesprächsgegenüber sich durch empathisches Hören und Fragen in Resonanz begeben darf. Stabilisierung ist dabei ebenso möglich wie Ermutigung zu ungewohntem Denken und Handeln. Oder, wenigstens momentweise- das gemeinsame Aushalten von nicht zu Ertragendem, sich zutragend im Jetzt und/oder in der Vergangenheit.
Und wie gehe ich vor, wenn mein Zuhören – ganz gegenteilig- niemals einen nächsten Schritt ermöglicht? Bewegung gar verhindert und destruktive Muster mit aufrecht erhält?
Eingefahrene Verhaltensabläufe bleiben unangetastet, wenn Zuhören täglich, stündlich, oft mehr als halbstündlich abgerufen, süchtig eingefordert wird und dabei das Muster Sprache-Resonanz-Wirkung nicht stattfindet. Nicht stattfinden darf, weil eine Seite es verhindert: die Sprechenden, indem sie -es sei ihnen umbenommen- die Kontrolle über das abrupte Ende des Austauschs, der nicht zustande kommt, behalten, wenn die gewünschte Nicht-Wirkung eines nicht geführten Gesprächs nicht eintrifft, weil erwiderte Gedanken, Widerspruch und neue Impulse gar Gefahr bedeuten. Gefahr für den Zustand, der aufrecht erhalten bleiben muss, denn Bewegung, innerliche wie äußerliche, wäre zu schmerzhaft. Doch auch ich als Zuhörerin verhindere aktiven Austausch, wenn ich nonverbal vorgebe, in das angebotene Alltagsrauschen willig hineinzuhorchen, es gar zu bejahen und mich mit Floskeln daraus zu retten, auf eine Neues, spätestens in zwei Stunden hören wir einander wieder-Wir hören nicht aufeinander, wir sind einfach kurz: nebeneinander.
Ich begann, diesen Text zu schreiben, weil ich ohne Supervision, Austausch, das Teilen der gemeinsam gehörten oder eben nie zu hörenden Geschichten ins Zweifeln gerate.
Ins Zweifeln an dem Pflaster, das ich Menschen anbiete, die fraglos einen Bedarf an Beistand, Austausch, Trost haben- aber hat dieses ständig abrufbare Pflaster die richtige Form? 
Vielleicht schreibe ich eine Fortsetzung, wenn ich bald -und sei es online- die Chance zum Erfahrungsaustausch hatte.

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